Die Fleischbremse

Velostreifen, die auch von den Autos befahren werden müssen: Leutschenbachstrasse in Zürich-Nord

Das Schöne an den meisten Zürcher Einbahnstrassen ist, dass man sie mit dem Velo in beide Richtungen befahren darf. Das weniger schöne daran ist, dass manche dieser Einbahnstrassen so schmal sind, dass das Kreuzen mit einem entgegenkommenden Auto a) nur eine Sache für die Geschickten, und b) für die Mutigen ist. Kommt einem ein Auto entgegen gebraust, muss man den Mut haben, zumindest einen Moment lang soweit in der Strassenmitte zu fahren, um es zum Bremsen zu bringen. Das Lebewesen auf dem Zweirad zwingt die Person im Vierrädrigen zum bremsen. Darum nennt man diese Art der Tempokontrolle auch Fleischbremse. Weil dieses Prinzip der Nächstenliebe offenbar zuverlässiger wirkt als jeder Radarkasten, haben die Verkehrsplaner es auf normale, also auch für Autos im Gegenverkehr befahrbare Strassen ausgeweitet: Man verschmälert die Fahrbahn und durchsetzt diese mit Verkehrsinseln, so dass dem MIV das Überholen von Velos bei gleichzeitigem Gegenverkehr verunmöglich wird. Manchmal muss dann auch der ÖV hinter einem Velo herschleichen. So ist es zum Beispiel in Zürich-Nord, wo die Leutschenbachstrasse, also jene, die zum TV-Studio führt, aufgewertet wurde, wie es im Jargon heisst. Man hat die Strasse verengt, dafür breite Trottoirs mit Bäumen und Bänken angelegt, auf denen zwar auch an einem sonnigen Mittag niemand sitzt. Und hat links und rechts je einen Velostreifen auf den Asphalt gemalt, die aber auch die Autofahrer benützen müssen, weil sie sonst nicht aneinander vorbei kommen. Oder anders ausgedrückt: Wer auf dieser plakativ velofreundlichen Strasse mit dem Zweirad unterwegs ist, wird unweigerlich zur Fleischbremse.

Dieser Beitrag wurde in ÖV, mit dem Auto, mit dem Velo veröffentlicht. Ein Lesezeichen auf das Permalink. setzen. Kommentieren oder einen Trackback hinterlassen: Trackback-URL.

Ein Kommentar

  1. Cornelia Boehler
    Am Mai 31, 2012 um 4:53 p.m. Uhr veröffentlicht | Permalink

    verwirrend und gefährlich!

Ein Trackback

  • Von Zeichen fürs Velo am November 13, 2013 um 9:52 p.m. Uhr veröffentlicht

    […] sich ärgern, weil sie nun erst nach den Velofahrern starten können. Es klingt paradox: Diese Fleischbremse ist für die Velofahrer ein echter Sicherheitsgewinn. Auf dem bisherigen Velostreifen zu stehen war […]

Einen Kommentar hinterlassen

Ihre E-Mail wird niemals veröffentlicht oder weitergegeben. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Sie können diese HTML-Tags und -Attribute verwenden <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*
*

  • Archiv

  • Kategorien