Das Tunnelfieber

Ein Tunnel ist ein Tunnel.

Das Tunnelfieber ist eine spezifisch schweizerische Krankheit. Eine, die offensichtlich nicht zu kurieren ist. Seit dem Gottharddurchstich anno 1882 gilt das Bohren eines Tunnels hierzulande als Lösung sozusagen jeden Verkehrsproblems. Weg mit dem Stau und dem Lärm für die Anwohner heisst die Losung! Bis der Tunnel so attraktiv ist, dass a) der Verkehr sich vor seinem Portal staut (siehe Gotthard), und b) der Mehrverkehr anderswo für Verstopfungen und Lärm sorgt (siehe Baregg, Vereina etc).
Baregg, Gubrist oder Gotthard: Jeder Tunnel wird Opfer seines eigenen Erfolges. Dann bricht wieder das Fieber aus: Graben wir zur Entlastung einen Tunnel! Mittlerweile hat jeder Strassentunnel auch seine Gegner – die nicht weniger fiebrig dagegen kämpfen. «Widersprüchlich, irrational, schädlich» kommentiert die Lobbyorganisation Alpeninitiative in ihrer Zeitung «Echo» den Vorschlag des Bundesrates, eine zweite Gotthardröhre zu bauen (um die erste sanieren zu können).
Im Zürcher Kantonsrat brach das Tunnelfieber am Montag letzter Woche aus. Das Parlament befahl dem Regierungsrat, eine Kreditvorlage für den Waidhaldetunnel in der Stadt Zürich auszuarbeiten. Die Röhre soll gebohrt werden, um die Rosengartenstrasse zu entlasten – 60 000 Fahrzeuge fahren dort täglich durch, keine Freude für die Anwohner. Trotzdem wollen Stadt- und Gemeinderat den Tunnel nicht. Sie wollen die Strasse, durch die jetzt Busse fahren, mit einer Tramlinie beruhigen und so den Autoverkehr abschrecken.
In der gleichen Sitzung beauftragte der Kantonsrat die Regierung auch, ein Projekt zur Umfahrung von Eglisau auszuarbeiten. Dort fahren zwar täglich «nur» rund 20 000 Autos , Motorräder und Lastwagen über die Strasse, die das Städtchen am Rhein tangiert. Der Unterschied: Die Eglisauer sind dafür – auch die Linken.
Fazit: In Eglisau will man einfach seine Ruhe (und wird damit anderswo für mehr Lärm sorgen), in Zürich aber will man die Welt verändern, auf dass sie endlich verkehrsruhigt werde. Was dabei herauskommt, ist offen.

Dieser Beitrag wurde in Lärm, mit dem Auto, mit Tram und Bus veröffentlicht. Ein Lesezeichen auf das Permalink. setzen. Kommentieren oder einen Trackback hinterlassen: Trackback-URL.

Ein Kommentar

  1. Grund
    Am September 9, 2012 um 9:18 a.m. Uhr veröffentlicht | Permalink

    Liege ich richtig in der Annahme, dass Sie die Situation in Eglisau nicht kennen – und somit auch die Problematik für Fussgänger, Kinder, Kinderkrippe, Anwohner welche mit dem Auto oder der Bus unterwegs etc nicht kennen?
    J. Grund

Ein Trackback

  • Von Kein Problem, ein Tunnel am November 13, 2013 um 9:56 p.m. Uhr veröffentlicht

    […] es in der Schweiz irgendwo ein Verkehrsproblem, so heisst die finale Lösung: Wir graben einen Tunnel. Wieso soll also Zürich-Wipkingen nicht recht sein, was Sachseln und Giswil in Obwalden, Locarno […]

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