Gestern reiste ich in einer SBB-Ruhezone. Aus Zufall. Und aus Unachtsamkeit. Und vor allem aus reiner Notwendigkeit. Es war der einzige von drei Erstklasswagen im IC von Landquart nach Zürich, in dem noch einzelne Plätze frei waren. Im Wagen begab ich mich dann zu einem Bekannten, den ich auf dem Perron getroffen hatte. Nachdem wir höchstens zwei Minuten geplaudert hatten, erhob sich ein Mann im Abteil nebenan, zog den iPod-Stöpsel aus einem Ohr, und sagte zu uns, während er auf das Symbol an der Scheibe zeigte: «Hören Sie bitte auf zu sprechen. Hier ist eine Ruhezone.» Einigermassen verduzt erwiderte ich, er höre doch Musik. Er: «Das tut nichts zur Sache. Hebed Sie eifach Ihri Schnurre.» Hoppla. Der Mann war aggressiv. Da ich keine Faust in meine Fresse wollte, beendete ich das Gespräch mit meinem Bekannten und kehrte an meinen Platz zurück. Ich erinnerte mich an eine ähnliche Situation, die ich vor ein paar Monaten in einem belebten Café in Zürich erlebt hatte. Ich traf mich dort mit einer Kollegin, um eine gemeinsame Arbeit zu besprechen. Nach einer Weile rief uns ein Mann in meinem Rücken mit erregter Stimme zu, wir sollten leiser sein. Ich drehte mich um. Der Mann sass am Nebentisch über einem Laptop. «Wieso macht Ihr Eure Besprechung nicht zu Hause oder im Büro?» herrschte er mich an, «ich muss arbeiten und mich konzentrieren!»
Sich in ein beliebtes Café zu begeben, um dort in Ruhe zu arbeiten – auf diese Idee muss man erst mal kommen. Zugegeben, wir waren, weil begeistert über unser Projekt, etwas laut. Wir gaben uns dann Mühe, Rücksicht auf seine Befindlichkeit zu nehmen, und etwas leiser zu sprechen. Der Mann der im Zug in der Ruhezone reiste, hingegen verteidigte sein verbrieftes Recht, wie zuhause die Konsultation die entsprechende SBB-Seite ergab. In der Ruhezone sind Gespräche und Diskussionen verboten – gleich in welcher Tonlage. Ebenso Telefongespräche und das Abspielen von Filmen und Videos auf dem Laptop. Allerdings hätte der Mann auch sein Musikgerät abstellen sollen: Auch Musik und Radio hören sind verboten.
«Völlig ungestört reisen» versprechen die SBB Ruhezone-Reisenden. Eine eigentümliche Sache. Wer sich unter andere Menschen zu begibt, läuft Gefahr, gestört zu werden. Folgerichtig müssten die Menschen in Ruhezonen mit baulichen Massnahmen vor ihren Mitmenschen geschützt werden. Statt Abteilen in denen man sich gegenüber sitzt, wären Einer- und Zweiersitze wie in Bus und Tram angemessen. Dann müsste ein besonders ruhebedürftiger wie der Zeitgenosse von gestern nicht den gegenüberliegenden Sitz mit seinen Skistöcken verbarrikadieren, trotz der Lautsprecheraufforderung, wegen des grossen Andrangs alle Sitze von Gepäck zu befreien.
Übrigens: Nach dem Auftritt des gestörten Herrns herrschte im vollbesetzten Eisenbahnwagen gespannte Ruhe. Die Leute sassen verdattert in den Abteilen nebenan. Der Mann hatte den Wagen zur Ruhe befriedet.
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13 Kommentare
Was soll das für ein bescheuerter Beitrag sein?
Wenn mann in eime Ruheabteil ist, dann herrscht dort Ruhe, dies impliziert bereits der Name.
Ich kann den Herrn zu 100% verstehen. Man wird auch von ihrem normalen Gespräch leider Gottes beim Arbeiten oder was auch immer man in RUHE tun will, gestört. Wer sich ins Ruheabteil setzt, tut dies nicht aus Spass.
Und dass es in den anderen 1. Klass Wagen keinen einzigen Platz mehr hatte, glaube ich ihnen schlichtweg nicht.
Ein Platz im Ruhewagen zumindest war noch frei: Jener vis-à-vis des wütenden Herrns, den dieser mit seinen Stöcken verbarrikadiert hatte. Im übrigen war der Zug sehr, sehr voll. Ich stieg in den Ruhewagen ein, weil die anderen beiden Erstklasswagen (vom Perron betrachtet) noch voller waren.
Ich fahre sehr viel Zug und regelmässig auch im Ruheabteil.
Man trifft gerade dort sehr viele ausgewachsene Egoisten an, welche – wen erstaunt’s – sogar zu der politischen, wirtschaftlichen oder bildenden Elite unseres Landes gehören.
Ungeniert verlangen diese Personen mit dem Betreten des Abteils nach Ruhe (von den Mitmenschen). Bei Bedürfnis oder Gelegenheit wird aber gerne geschwatzt, zum Telefon gegriffen oder in die Tastatur des Laptop gehackt – und das meist so lange wie die Fahrt dauert. Auf die Bedürfnisse der Mitreisenden wird geschissen.
Sind wir doch Ehrlich, Herr Lütscher, sie hätten mit Ihrer Begegnung auch weiter geschwatzt. Eine Unterbrechung dieses Gespräches hätte sie nach wie vor gestört, und den Grund hätten sie auch nach 15 Minuten schwatzen nicht begriffen.
Was denken Sie, bei wievielen ausgesprochenen Ermahnungen ich ein: „Oh, tut mir leid.“ gehört habe? Sie ahnen es sicher anhand meiner Fragestellung. Immer hat irgendein Idiot nichts gewusst, nichts bemerkt, nur kurz Hallo sagen wollen, einen wirklich ganz dringenden Anruf entgegen nehmen müssen, sonst nirgends einen Sitzplatz gefunden.
Wenn es darum geht, zu seinem Verhalten zu stehen, ist es eine Eigenart des Egoisten sich feige hinter der nächsten Ausrede zu ducken wie ein Huhn, über dem der Habicht kreist. Und dann noch nach Toleranz schreien. Das ist das Hinterletzte.
Nur Eines: Ich musste leider feststellen, dass man solche Leute sofort stellen und Ihnen die Manieren beibringen muss. Schon manchen habe ich aus dem Abteil geworfen und mich würde auch nichts mehr zurückschrecken, einem besonders frechen und anpassungsresistenten Exemplar „auf die Fresse zu hauen“.
Aus Ihrer Sicht gibt es aber auch eine gute Nachricht:
Wenn Sie einmal völlig geschafft sind oder Sie bei Ihrer Arbeit dringend Ruhe benötigen und das Ruheabteil betreten und vielleicht mir begegnen, dann können Sie sich freuen und darauf verlassen, dass ich weder Musik höre, noch mit jemandem spreche, noch nervös mit dem Rad meiner externen Maus spiele oder wie ein alter Polizist in die Tasten meines Laptops haue. Sogar die Tastentöne meines Telefons werden ausgeschalten und meine Nase geputzt sein. Das aus gelebtem Respekt und angewendeter aktiver Toleranz.
Peinlichier alter nörgler
Personen wie du sind Egoisten! Wenn du keine Rücksicht auf das Ruhebedürfnis anderer nehmem willst, dann setz dich gefälligst woanders hin!!!! Ich muss jeden Tag 6 mit dem Zug fahren um zur Arbeit zu gelangen und egoistische Leute wie du, die keine Rücksicht nehmen und die ganze Zeit rücksichtslos laut mit ihren Bekannten labern oder ihr Handy auf laut gestellt haben, sind EINFACH DIE PEST!
Ernsthaft, ich wünschte ich könmte jedem von euch das Ruheschild in eure hässlichen, gottverdammten, lauten Visagen hämmern!!!!
Die ausgewählte Formulierung dieser Zuschrift erinnert mich ganz an das mittlerweile vier Jahre zurückliegende Rencontre im Zug von Landquart nach Zürich.
Michael Lütscher „Journalist und Sachbuchautor“, wenn ich Ihren Artikel und Ihre Kommentare lese: fehlt es an Logik oder Anstand? Wenn Sie nicht ruhig sind, dürfen Sie nicht in ein Ruhe-Abteil. (Sie dürfen als Gesunder auch nicht auf einen Behindertenparkplatz und als Erwachsener nicht mit einem Kinderbillet in die Badi.) Es ist falsch, abzulenken mit „in anderen Abteilen ist kein Platz“ oder „Betroffene weisen mich mit unfreundlichen Worten zurecht“. Die einzig relevante Frage lautet: Sind Sie im Recht oder tun Sie anderen Unrecht. – Dass das ein Sach-buchautor offenbar nicht versteht, finde ich sach-lich unverständlich.
Der Zwischenfall ist ja schon eine Weile her. Wenn ich meinen Blogeintrag nochmals lese, komme ich zum Schluss, dass ich die Sachlage schon verstand. Unverständlich war mir nur die Aggressivität, mit der mich der – Musik hörende – Mitreisende auf das Ruhegebot aufmerksam machte.
Michael Lütscher, nein, ich finde Sie haben es sogar jetzt („es ist ja schon eine Weile her“) noch nicht verstanden, ebenso wenig wie in allen Ihren Textbeiträgen (es scheint also kein Spontanreaktionsausrutscher sondern System): Wenn Sie in einem Ruheabteil sich unterhalten (vergleiche Wohnquartiere tiefnachts auf Balkonen, obwohl in der Hausordnung und Polizeiordnung steht, dass das zur Nachtruhezeit verboten sei und man Fenster/Türen geschlossen halten müsse, wenn man es schon in der Wohnung tun zu müssen glaubt – eine Art „Restless Legs“?) ist das falsch genug, denn Sie sollten es selbst merken so wie ein Autofahrer ja auch die Augen aufhaben muss – aber spätestens sobald jemand es Ihnen hinweisend bewusst macht, sollten Sie sich an die Regel halten. Wenn Sie dann immer noch widersetzend („aber Sie haben doch Stöpsel“) statt entschuldigend auftreten, wundert Sie dann Aggression echt? Was würden Sie erwarten von der Polizei, die Sie auf der Autobahn mit 200 km/h anhält, und Sie reagieren, indem Sie mit 200 weiterfahren?
Natürlich habe ich verstanden. Nach der Reklamation des Mitreisenden schwieg ich, für den Rest der Fahrt. Dass ich in ein Ruheabteil stieg, hatte ich gar nicht bemerkt, ich hatte nur nach einem freien Platz Ausschau gehalten. Seither achte ich auf das Ruhesignal-Zeichen.
Wenn ich im Ruheabteil fahre bin ich gewungener Massen darauf angewiesen, da andere Sitzplätze in den anderen Abteil bereits besetzt sind. Eigenartigerweise zeigen die Ruheabteil immer noch freie Plätze auf.
Ich würde sagen, sofern man eine Umfrage der Leute macht, mit der Frage, warum sitzen Sie im Rhewagen:
a) weil ich einen solchen Sitzplatz suchte
b) weil ich einen Sitzplatz suchte (egal ob Ruhewagen oder nicht)
würde das Ergebnis negativ für den Ruhewagen ausfallen. Selbstverständlich müsste für ein paar Personen eine Lösung für ein Ruhewagen getroffen werden. Dies könnte gemacht werden mit einer Unterteilung des Abteils (analog früher Raucher und Nichtraucher).
Von mir aus müssten die Ruhewagen der 1. Klasse während der Stosszeiten aufgehoben werden oder ein zusätzlicher Nicht Ruhewagen angehängt werden.
Zu den Befürworter der Ruhewagen muss ich sagen, aufgrund deren Kommentare, dass diese ein ernsthaftes Problem mit dem Lörm haben. Vielleicht wöre da ein Gang zum Arzt angemessen.
Früher sass ich als Raucher ab und zu auch im Nichtraucherabteil. Dort habe ich aber dann nicht geraucht.
Die Frage ist nicht, wie stark Egozentriker in diesen Abteilen von den Regeln abweichen dürfen (gar nicht), sondern, ob es diese Abteile braucht.
Ich finde Sie sehr nützlich, v.a. zu Stosszeiten beim Arbeiten.
Hallo Michi
Ich verstehe dich sehr gut. Es gibt Menschen wo zu wenig Liebe im Leben erhalten haben und die suchen auch im späten alter die ruhe da sie so vergrault sind, dass es wss an eine allergie auf Liebe und Zuneigung kommt. Kommt hinzu, dass sie wahrscheinlich gar nicht mit ihrem Leben zufrieden sind und das lassen sie an andere raus. Mach dir keine Gedanke das Karma wird diese menschen besänftige. Gruss Salvi
Ein Trackback
[…] Weshalb man die Besucher vom Lande aussperren möchte? Man könnte vielleicht auch eine nächtliche Ruhezone einrichten à la SBB, dann wären auch Gespräche verboten. Übrigens: Ruhe kostet. Nicht nur als Lärmschutzmassnahme […]